Fachtag 2018: Kritisch. Denken. Lernen.

8 Mai

Kritisch. Denken. Lernen.

Herausforderungen und Ansätze für die fachbezogene Hochschuldidaktik

Theorie und Praxis im Dialog ‑ Unter diesem Motto setzt HD Text+ e.V. mit dem 3. Fachtag am 14.09.2018 in Dresden die 2016 erfolgreich begonnene Reihe zum fachbezogenen Austausch in Kooperation mit dem Verbundprojekt „Lehrpraxis im Transfer plus“ fort.

Wenn wir uns in diesem Jahr der Bedeutung des kritischen Denkens für die Hochschullehre widmen, nehmen wir individuelle Lernprozesse und wissenschaftliche Denk- und Handlungsmuster ebenso in den Blick wie (implizite) Annahmen über Bildungsziele oder praktische Fragen der Lehrgestaltung. Damit greifen wir das Thema aus verschiedenen Perspektiven auf, entsprechend unserer Grundidee den Fachtag als offenen Diskussions- und Arbeitsraum zu gestalten.

Sich kritisch in die Gesellschaft einbringen, ein kritisches Verständnis von Texten und anderen Medien entwickeln, besser verstehen wie gesellschaftliche, kulturelle und politische Prozesse funktionieren, auch um sie verändern zu können – so oder ähnlich beschreiben Studierende häufig ihre Motivation ein geistes-, kultur- oder sozialwissenschaftliches Fach aufzunehmen. Die Schärfung des eigenen Denkens im Studienverlauf erleben viele als einen wichtigen, motivierenden Entwicklungsprozess (Kokemohr; Marotzki 1989). Kritisches Denken und systematisches Zweifeln bringen Lernende im Studium und darüber hinaus weiter. Doch konstruktives Zweifeln will gelernt sein, sonst endet es schnell in unproduktiven Selbstzweifeln.

Im besten Fall führt kritische Auseinandersetzung zu neuen Fragen, zum produktiven Weiterdenken, schärft die eigene Position und Argumentation und mündet schließlich in einem „unabhängigen und selbstermächtigenden, emanzipierten Handeln“ (Jahn 2013, S. 9).

Diesen Motivationen und Ansprüchen auf der einen Seite, stehen Beobachtungen gegenüber, die Lehrende oft in hochschuldidaktischen Kontexten äußern: “Meine Studierenden gehen oft viel zu unkritisch mit den Texten um.” “Mit dem kritischen Denken tun sich viele Studierende einfach schwer, besonders am Anfang des Studiums.” Ganz selbstverständlich wird von Studierenden die Fähigkeit zum kritischen Denken eingefordert. Doch der Bedarf genauer Erklärung und Anleitung, um diese Fähigkeiten fachbezogen weiterzuentwickeln, wird oft unterschätzt. Ein mögliches Missverständnis der Studierenden liegt nicht zuletzt in der Verwechslung von persönlicher Meinung mit einer fachlich begründeten Position. Kritisch zu denken ist mehr als andere Ansichten und Positionen einfach zu kritisieren. „Im Kern heißt kritisches Denken [aber] Verantwortung für die Qualität des eigenen Denkens zu übernehmen” (Kruse 2017, S. 11).

Nun ist in der Institution Universität nahezu alles Handeln sprachlich vermittelt und zeichnet sich im Vergleich zum außerakademischen und auch zum schulischen Handeln durch eine ganze Reihe von Besonderheiten Studierende stehen also vor der Herausforderung, sich diese Besonderheiten im Denken und Handeln anzueignen, ihr eigenes Denken und Handeln zu professionalisieren (Redder 2002) und Teil der wissenschaftlichen Gemeinschaft zu werden. Gerade in den Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften sind sie von Anfang an mit dem diskursiven Charakter konfrontiert. Dabei verschränken sich Lehr-Lern-Diskurse zunehmend mit wissenschaftlichen Diskursen.

Wissenschaft kann ohne kritisches Denken nicht existieren. Kritische Auseinandersetzung formt über Fächergrenzen hinweg wissenschaftliche Grundhaltungen wie Skepsis, Strenge der Argumentation und Offenheit für Unerwartetes. Wenn man davon ausgeht, dass wissensbasierte, demokratisch organisierte Gesellschaften Menschen brauchen, die kritik- und urteilsfähig sind, um die komplexen Aufgaben unserer Zeit und Veränderungen zu gestalten, kommt Hochschulen als Bildungseinrichtungen eine zentrale Rolle zu. Denn Bildung durch Wissenschaft heißt die Prinzipien systematisch begründeter Urteilsbildung, Positionierung und Problemlösung zu verinnerlichen und situativ eine reflektierte Distanz zu aktuellen wie zukünftigen Handlungsfeldern zu einnehmen zu können.

Um zu überlegen, wie die Befähigung zum kritischen Denkens angemessenen hochschuldidaktisch gefördert und curricular eingebettet werden kann, wollen wir unter anderem folgende Fragen diskutieren:

  • Was verstehen wir fachintern und fachübergreifend unter kritischem Denken?
  • Welche Formen und Normen von Kritik sind in den Fächern jeweils gängig?
  • Lässt sich eine Typik in den Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften erkennen?
  • Wofür und in welcher Ausprägung soll kritisches Denken im Studium entwickelt werden?
  • (Wie) Trägt das Lernen und Üben kritischen Denkens zur Persönlichkeitsbildung während des Studiums bei?
  • Wie könnte/ sollte eine Didaktik aussehen, die kritisches Denken im Hochschulkontext fördert?

Gemeinsam mit Ihnen möchten wir Vorhandenes systematisieren und reflektieren, weiterdenken und Neues entwickeln.

Es erwartet Sie wieder eine kooperative Keynote, die das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet. Die Keynote gibt den Auftakt zum weiteren Austausch im Rahmen einer Postergalerie und den anschließenden parallelen Tracks. Hier wird der Austausch in einem moderierten Arbeits- bzw. Diskussionsprozess fortgeführt. Das Thema der parallelen Arbeitsphasen setzt jeweils einen Rahmen, die konkrete inhaltliche Ausgestaltung bestimmen Sie als Teilnehmende zusammen mit den Moderator*innen. Abschließend werden die Diskussions- bzw. Arbeitsergebnisse in einem Abschlussplenum zusammengeführt, um daraus Vorschläge für die weitere Arbeit abzuleiten.

Track 1: Kritisches Denken und Wissenschaft/Fachkultur

Dieser Track widmet sich der grundlegenden Auseinandersetzung mit dem/den Konzept(en) des kritischen Denkens aus der Perspektive unterschiedlicher Fachkulturen sowie seiner Bedeutung im Rahmen des wissenschaftlichen Fachstudiums. Implizite Annahmen zum Verhältnis von Wissenschaft und kritischem Denken sollen explizit gemacht werden, um Möglichkeiten und Grenzen fachimmanenter und fachübergreifende Zugänge sowie deren Konsequenzen für die Lehre aufzuzeigen.

Leitfragen für diesen Track sind:

  • Inwiefern gehört Kritik zur Wissenschaft und ist wissenschaftliches Denken immer kritisch?
  • Welche systematischen Formen/Methoden kritischen Denkens gibt es in den einzelnen Fächern und wie werden diese gelehrt?
  • Welches Verständnis von Kritik bringen die einzelnen Fächer ein?
  • (Wie) Können Ansätze wie forschendes Lernen den Anspruch einlösen, kritisches Denken zu fördern?
  • Welche Eigenschaften des ‚wissenschaftlichen Betriebs’ (Autoritätsgläubigkeit, Textrecycling, Abhängigkeiten usw.) stehen dem Anspruch entgegen, über Bildung durch Wissenschaft kritisches Denken zu fördern?

 

Track 2: Kritisches Denken und Persönlichkeitsentwicklung

Track 2 stellt die Studierenden und ihre Entwicklungsmöglichkeiten im Verlauf des Studiums ins Zentrum und eröffnet zudem einen Raum für die Reflexion der eigenen wissenschaftlichen beziehungsweise professionellen Entwicklung. Dabei soll sowohl die weitgehend implizit, beiläufig durch Beobachtung oder Lernen am Modell erfolgende Habitusentwicklung zum Gegenstand gemacht werden, als auch gezielte Strategien der expliziten Förderung und Reflexion von Bildungsprozessen durch kritisches Denken.

Leitfragen für diesen Track sind:

  • Inwiefern ist kritisches Denken Motivation fürs Studium?
  • Sind im Laufe des Studiums typische Phasen in der Entwicklung kritischen Denkens erkennbar?
  • (Wie) Entwickelt sich Persönlichkeit durch kritisches Denken?
  • Wessen Verantwortung ist es, diese Entwicklung zu gestalten?
  • Welche Rolle spielen Bildungsziele wie Mündigkeit und gesellschaftliche Beteiligung für die Hochschullehre?
  • Welche Rahmenbedingungen begünstigen solche Bildungsprozesse?

Track 3: Kritisches Denken und Lehrpraxis

Track 3 bietet Gelegenheit für den Austausch zur konkreten Lehre und fungiert als Ideenbörse. Idealerweise steht an derem Ende eine erste erfahrungsbasierte, systematisierte Sammlung von Lehrmethoden und –techniken oder Musterlösungen.

Leitfragen für diesen Track sind:

  • Auf welchen Wegen kann kritisches Denken entwickelt, gefördert und curricular eingebettet werden?
  • In welchem Verhältnis stehen inhaltliches Lernen, Reflexion und das Lernen kritischen Denkens zueinander?
  • Welche Methoden und Formate sind hilfreich?
  • Wenn kritisches Denken das Ziel ist, was kommt in die didaktische Toolbox?
  • Fördern alle aktivierenden Lehrmethoden automatisch auch kritisches Denken?
  • Kritisches Denken in der Vorlesung, geht das?

Wir freuen uns, wenn Sie die Diskussion mit Ihren Ideen, Fragen und Erfahrungen bereichern.

 

Literatur

Jahn, Dirk (2013): Kritisches Fragen als Methode der Erkenntnisgewinnung. Ein hochschuldidaktischer Beitrag zur Förderung kritischen Denkens. (= Hochschuldidaktik. Beiträge und Empfehlungen des FBZHL der FAU, 2013, Nr. 1)

Kokemohr, Rainer; Marotzki, Winfried (Hg.) (1989): Biographien in komplexen Institutionen. Studentenbiographien. Frankfurt a.M.: Peter Lang.

Kruse, Otto (2017): Kritisches Denken und Argumentieren. Eine Einführung für Studierende. Konstanz: UVK.

Redder, Angelika (2002): Sprachliches Handeln in der Universität. Das Einschätzen zum Beispiel. In: dies. [Hrsg.]: „Effektiv studieren“. Texte und Diskurse in der Universität. Beiheft 12. Oldenburg: OBST, S. 5-28.

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