Track 2: Praktiken und epistemische Werkzeuge

Das Gewisse im Ungewissen

Als Mittel der Orientierung rücken Praktiken und epistemische Werkzeuge in den Fokus. Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften verfügen über eine umfassende Erfahrung im Umgang mit Mehrdeutigkeit, Perspektivenvielfalt und komplexen Deutungsprozessen. Praktiken wie Lesen und Schreiben, kultur- und sprachsensibles Zuhören, Sprechen und Interpretieren sind nicht nur methodische, sondern auch epistemische Akte: Sie erzeugen Sinn, Kontext und Urteilskraft (vgl. Nussbaum 2010; Mittelstraß 2015). Bei aller theoretischer Vielfalt, konfligierender Diskurse und methodischer Weiterentwicklung trägt die “Stabilität der Praxis” (Martus & Spoerhase 2022), ja sogar ihre Unerschütterlichkeit (Daston 2000),  als Kontinuität in Fachgemeinschaften zur Vergewisserung im Ungewissen bei. Gerade in Zeiten beschleunigter Wissensproduktion sowie marktorientierter und algorithmischer Entscheidungslogiken kann das Repertoire geistes-, kultur- und sozialwissenschaftlicher Praktiken und Methoden Diskurs- und Handlungsfähigkeit ermöglichen und potentiell zum kritischen Umgang mit Komplexität befähigen. Fachkompetenzen gewinnen so neue Relevanz für das Navigieren im Ungewissen. 

Leitfragen für diesen Track sind:

  • Inwiefern ist Methodenwissen auch Orientierungswissen?
  • Was lernen Studierende durch die kritische Analyse historischer Quellen und anderer Artefakte oder durch die Interpretation literarischer Texte?
  • Können Praktiken der Feldforschung und sozialwissenschaftlichen Datensammlung didaktisch so eingebunden werden, dass sie  Orientierung in unsicheren Lebenswelten oder komplexen professionellen Handlungsfeldern geben?  
  • Was können fachliche Praktiken zum Gelingen von Lehr-Lernprozessen in internationalen, mehrsprachigen und/ oder inter- und transdisziplinären Kontexten beitragen?
  • Wie lässt sich trotz oder mit der Verwendung digitaler Tools und Techniken (einschließlich KI) eine lebendige Diskussionskultur und Lerngemeinschaft gestalten?
  • Was lässt sich insgesamt in Zeiten der Beschleunigung und Verunsicherung vom langsamen Denken und der stabilen Praxis der Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften lernen?

Literatur

Daston, L. (2000): Die unerschütterliche Praxis. In: Kiesow, R. M. & Simon, D. (Hg.): Auf der Suche nach der verlorenen Wahrheit. Frankfurt a.M., S. 13-25.

Martus, S. & Spoerhase, C. (2022): Geistesarbeit – Eine Praxeologie der Geisteswissenschaften. Berlin: Suhrkamp.

Mittelstraß, J. (2015). Die unzeitgemäße Universität. Suhrkamp.

Nussbaum, M. C. (2010). Not for profit: Why democracy needs the humanities. Princeton University Press.

 

 

 

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