Was bleibt vom Fachtag 2026? Rückschau und Eindrücke

von Anja Swidsinki und Cornelia Kenneweg 

Am 12. Juni haben wir in Kiel in Kooperation mit der wissenschaftlichen Weiterbildung der CAU unseren sechsten Fachtag mit dem Thema „Das Navigieren im Ungewissen lehren und lernen – Subjekte. Praktiken. Gegenstände“ veranstaltet.

Mit etwas Abstand schauen wir nach der Sommerpause zurück auf den Fachtag und möchten festhalten, was uns als Vorständinnen von HD Text+ an Eindrücken und Erkenntnissen vom Fachtag in Erinnerung bleibt.  In fünf Schlaglichern möchten wir sichtbar machen, wie wir die Auseinandersetzung mit dem Navigieren im Ungewissen während des Fachtags erfahren haben.  Mit dieser Rückschau und dem kommenden Lesezirkel im September 2026 schließen wir auch den Themenschwerpunkt „Lernen für die Zukunft? Navigieren im Ungewissen“ ab, der die Vereinsarbeit mit dem vorherigen Fachtag im Dezember 2024 und dem Austausch in den Lesezirkeln in den vergangen Jahren geprägt hat.

Begegnung, Beziehungen, Partizipation 

Schon zu Beginn des Fachtags in der kooperativen Keynote wurde deutlich, dass die Teilnehmenden das Lehren und Lernen des Navigierens im Ungewissen primär als Frage der Gestaltung von Lehr-Lernsituationen und Beziehungen diskutieren würden. Immer wieder ging es darum, wie Kommunikationsräume geschaffen werden können, die es ermöglichen sich auf Ungewissheit und offene Zukünfte einzulassen.  Saskia Eisenhart etwa nutzte die Idee einer Hermeneutik Zutrauens, um Beispiele aus ihrer religionsdidaktischen Lehre zu erläutern. In der Lehre könne man den Studierenden etwas zutrauen, der Begegnung der Studierenden untereinander und mit den gelesenen Texten. Gerade auch der Begegnung mit der theologischen Tradition könne man im religionsdidaktischen Kontext viel zur Deutung von Gegenwart und Zukunft zutrauen, wenn diese Begegnung in einem entsprechenden Rahmen stattfinde.

Zutrauen, Vertrauen und (Selbst-)Verantwortung waren Schlüsselbegriffe, die auch im Zusammenhang mit anderen Beispielen genutzt wurden, sei es bei der Gestaltung von projektbasierter Lehre oder der partizipativen Entwicklung von Curricula. Fehlerkultur und kooprative Wissensproduktion waren weitere Schlagworte, die in der Keynote und der Diskussion dazu fielen, und die in einigen Postern aufgegriffen wurden.

Die Beitragenden der Keynote und andere Teilnehmende betonten, dass es Zeit und Reflexion braucht, damit Vertrauen und Zutrauen in Bildungsprozessen wirksam werden. Diese Überlegungen wurde im Track zu „Subjekte – Bildungs und Entwicklungsprozesse im Studium begleiten“ vertieft und um Aspekte unter anderem zur Rollenreflexion von Lehrenden und der Gestaltung von Feedback und Bewertung erweitert.

Der Wert von Kooperation und Beziehungen zeigte sich für uns insgesamt und besonders auch in der Vorbereitung und im Austausch beim Fachtag selbst, weil sich Angehörige unterschiedlicher  Fächer und Statusgruppen eingebracht haben und die Diskussion von den verschiedenen Perspektiven profitiert hat.

Die lehrreiche Perspektive der Studierenden

Der Perspektive der Studierenden kommt besondere Bedeutung zu, wenn es darum geht zu verstehen, wie ein Lernen für ungewisse Zukünfte aussehen könnte und sollte. Seit dem zweiten Fachtag von HD Text+ ist es fester Bestandteil der kooperativen Keynote die Perspektive von Studierenden auf das Fachtagsthema prominent einzubeziehen.  In ihrem Beitrag gaben Lisann Kistenmacher und Julia Stasieniuk (beide CAU Kiel) Einblicke in ihre Studienerfahrungen und Reflexionsprozesse. In eindrücklicher Klarheit schilderten sie wie manche Lerngegenstände sie persönlich berühren. An Beispielen wie der Auseinandersetzung mit Themen wie gesellschaftlicher Ungleichheit, machten sie dabei auch deutlich, dass sie sich trotz guter fachlicher Begleitung zuweilen mit dem alleingelassen fühlen, was die Lerngegenstände ihrer jeweiligen Fächer bei ihnen unter anderem an Unsicherheit, aber auch Groll angesichts mancher Entwicklungen auslösen. Aus ihren Erfahrungen heraus formulierten sie Wünsche danach, nicht bei theoretischen Zugängen und empririschen Befunden stehenzubleiben, sondern in Lehrverantaltungen auch Raum dafür zu schaffen, Konsequenzen für das eigene Handeln und die eigene Positionierung, auch geselleschaftlich und politisch zu schaffen. Dass und wie dies möglich ist, zeigten zahlreiche Beispiele, die bei der kooperativen Keynoten, auf den Postern und in den Arbeitsphasen der Tracks zur Sprache kamen.

Lehre und außerakademische Handlungskontexte

In den Beiträgen und Gesprächen des Fachtags wurde geistes-, sozial- und kulturwissenschaftliche Hochschullehre noch häufiger als bei vergangenen Fachtagen im Zusammenhang mit außerakademischen Handlungskontexten wie Schule, Beruf und politischer Bildung diskutiert. Natürlich war das Thema des Fachtages entsprechend gewählt. Leonie Krutzinna nutzte ihre Begrüßung für die Wissenschaftliche Weiterbildung der CAU Kiel als Gastgeberin  und Co-Veranstalterin für eine erste  inhaltliche Rahmung des Fachtags, indem sie auf das Anliegen des Fachtags vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher, technologischer und politischer Entwicklungen (Stichwort: Polykrise) aufgriff und auf die Deutungskompetenzen der Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften für diese Entwicklungen hervorhob.

Fachlehre und fachbezogene Hochschuldidaktik greifen dabei auf spezifische Weise Trends und Diskussionen der allgemeinen Hochschuldidaktik auf, etwa zu Bildung für nachhaltige Entwicklung, den Umgang mit KI und LLMs oder auch Entwicklungen rund um Hochschulbildung als Demokratiebildung. Während des Fachtags wurde dabei immer wieder betont, dass solche Trends nicht als zusätzliche Anforderungen für Studierende und Lehrende zu bereits anspruchvollen Studienrogrammen und Lehrveranstaltungen hinzugefügt werden sollten. So konstatierte Jörg Holten in seinem Beitrag zur kooperativen Keynote am Beispiel der Future Skills, dass umfängliche Kompetenzkataloge dazu einladen Curricula zu überfrachten. Anstatt eines additiven Vorgehens, wurden während des Fachtags immer wieder integrative und partzipative Formen der Lehrveranstaltungsgestaltung und Lehrentwicklung eingefordert und exemplarisch vorgestellt.

So berichtete Eva Seidl wie sie mit Studierenden die Reflexion beruflicher Ungewissheit und das Grundverständniss des Studienfachs gleichzeitig bearbeitete, indem sie Schreibanregungen gab zu  „Wert, Ziel und Sinn einer akademischen Translationsausbildung in Zeiten von generativer KI“  – so der Titel, der aus dieser Arbeit entstandenen Publikation.  Saskia Eisenhart integriert in ihrer Lehre mediendidaktische und theologische Perspektiven und analysiert mit Studierenden Social Media Trends wie sogenannte „Christfluencer“, sensibilisiert dabei für das Radiakalisierungspotential solcher Trends und erarbeitet auch in Zusammenarbeit mit Schulen Handlungsstrategien für (angehende) Lehrkräfte.

Im Track „Ungewissheit als Lerngegenstand. Zukunftsperspektiven und Wandel zum Thema machen“ wurde ausführlich diskutiert, dass und wie eigene Vorstellungen von Zukunft und die in Quellen impliziert oder explizit formulierten Perspektiven auf die Zukunft ein Zugang sein kann, um Haltungen und Handlungsstrategien zu reflektieren und zu entwickeln. Das gilt sowohl für Studierende als auch für Lehrende, für die das Thematisieren von Zukunft Diskussionen über Ziel und Auftrag von Hochschullehre und über das Verhältnis von Hochschule und Gesellschaft anregen kann.

"Reclaim Geistes-wissenschaften"

Im Track „Praktiken und epistemische Werkzeuge– das Gewisse im Ungewissen“ kam die Diskussion schnell zu der Beobachtung, dass viele geistes- und sozialwissenschaftliche Begriffe und Konzepte auch in außeruniversitären Diskursen verwendet werden, wenn es darum geht, über Zukunftsthemen zu sprechen. Dies betrifft Technologiediskurse genauso wie Diskurse um Unsicherheiten und Zukunftsängste. Sie helfen dabei technologischen Disruptionen (z.B. Sprachmodelle, Korpora) begreifbar zu machen, sind aber auch teilweise schon in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen (z.B. Narrative, Framing, Gender). Was in vielen Fällen fehlt, ist der Transfer des theoretischen Kontexts der Konzepte und Praktiken, so dass es zu (teils absichtsvollen) Fehlverwendungen und Instrumentalisierungen kommt. Ohne die kundige Einbettung der Konzepte in ihre fachlichen Entstehungskontexte aber, das war die Sorge der Gesprächsteilnehmer*innen, ist die „Produktsicherheit“ nicht gewährleistet. Es fehlt der in der akademischen Bildung erworbene „Waschzettel“, der die Praktiken bei der Verwendung der epistemischen Werkzeuge beinhaltet.

Die Folgerung daraus war der Wunsch: „Reclaim Sozial- und Geisteswissenschaften“ bzw. das Verständnis, dass es die Aufgabe der geistes- kultur- und sozialwissenschaftlichen Bildung ist, die Konzepte und das Sprechen mit ihnen zu reclaimen und so deren Potenzial zum Navigieren im Ungewissen zu wahren. Fazit des Tracks war daher ein starkes Plädoyer für mehr Wissenschaftskommunikation, die nicht nur den akademischen Raum in den Blick nimmt, sondern gesellschaftlich anschlussfähig ist.

Der Wert des Formates Fachtag

Das Format der Fachtage lebt davon, dass offizielle Veranstaltung und informeller Austausch ineinanderfließen. Gerade bei diesem Fachtag scheint uns das Wesentliche eben gerade nicht in großen inhaltlichen Linien oder starken Thesen zu bestehen, sondern in vielen kleinen und größeren Begegnungen, Erkenntnissen und Eindrücken.

Mit dem Fachtag 2026 haben wir in gewisser Weise auch das zehnjährige Bestehen des Vereins begangen. 2016 fand in Dresden der erste Fachtag zum Thema „Keine Lehre ohne Ziel?! Lern- und Qualifikationsziele stimmig definieren“ satt. Seither hat sich das Format mit seiner Kombination aus Input (Kooperative Keynote, Postersession) und Arbeitsphasen bei sechs Veranstaltungen, vier in Präsenz und zwei online, aus unserer Sicht bewährt. Denn in Kiel haben wir wieder erlebt, wie wertvoll es ist, wenn verschiedene Perspektiven von Fachlehrenden, Studierenden, Hochschuldidaktiker*innen und anderen mit Hochschullehre befassten Personen in einem dafür gemachten Rahmen miteinander verbunden werden.

Zugleich nehmen wir wahr, dass sich die hochschuldidaktische Landschaft und die Anforderungen an Lehre und Lehrende in den vergangenen Jahren sehr verändert haben. Neue Themen und Akteure prägen den Austausch über Hochschullehre. Eine vergleichsweise kleine und im Wesentlichen ehrenamtlich getragene Veranstaltung wie der Fachtag konkurriert mit großen Festivals und Konferenzen und mit den Aufgaben des Lehr- und Forschungsalltags um Zeit und Aufmerksamkeit. Um so mehr freuen wir uns über das, was bleibt: die große Dankbarkeit für die Kooperation mit dem Team der Wissenschaftlichen Weiterbildung der CAU, die inhaltlich und organisatorisch wesentlich für das Gelingen des Fachtags verantwortlich war., und für die Gastfreundschaft in Kiel. Dank gilt auch den Lehrenden und Studierenden der CAU, die in verschiedenen Stadien der Planung und Durchführung mit Ideen, kritischem Feedback und inhaltlichen Beiträgen die Veranstaltung mitgetragen haben, für die gemeinsame Arbeit im Organisationsteam, für die Beiträge zu Keynote und Posteresseion und für das Interesse und Diskussionsbeiträge aller Teilnehmenden.

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